Kinofilm: "Manchester by the sea"

Wie kann einen ein so stiller und ruhiger Film derartig ins Innerste treffen und bewegen?

Wir blicken ins Leben von Lee Chandler. Er ist Hausmeister in einem deprimierenden Wohnblock bei Boston und muss sich mit kaputten Rohren, Schneeschippen, verstopften Toilettten und nervigen Mietern rumschlagen. Er begegnet dem Ganzen mit Ruhe und Gelassenheit - aber das klingt zu positiv. Er begegnet dem Ganzen mit Gleichgültigkeit und Desinteresse. Seine Wohnung ist deprimierend und so ist anscheinend auch sein ganzes Leben. Abwechslung sucht er abends in der Kneipe, wo er grundlos andere Gäste anpöbelt und so seine angestaute Aggressivität loswerden kann.

 

Ein Anruf reisst ihn aus seiner Lethargie: sein Bruder ist im Krankenhaus und hat nicht mehr lange zu leben. Sofort setzt er sich in sein Auto und macht sich auf den Weg in seine Heimatstadt Manchester by the sea.

 

 

 

Als er ankommt, ist sein Bruder gestorben. Alte Freunde nehmen ihn in Empfang und stehen ihm zur Seite. Vorsichtig und skeptisch begegnet er so seiner Vergangenheit. Er übernimmt die Verantwortung für seinen Neffen und zieht bei ihm ein - ein hilfloser Versuch dem Jungen Halt zu geben nach dem Tod seines Vaters. Der eine versucht, die Normalität aufrecht zu erhalten und so den tiefen Verlust aufzufangen, der andere (Lee) versteinert zusehens in tiefem Schmerz.

 

Der Zuschauer weiß lange nicht, warum Lee weggegangen ist aus Manchester by the sea. In Rückblenden erfährt man, wie glücklich und sorglos er früher gelebt hat, im Kreise seiner Freunde und mit seiner Familie. Und dann gab es einen Unfall, an dem er sich die Schuld gibt. Das Haus brennt ab und er verliert alles. Seinem Neffen erklärt er, er kann nicht bleiben in Manchester by the sea, weil er es hier nicht erträgt. Ich als Zuschauerin leide fast körperlich mit - das nehme ich ihm einfach ab.

 

Es wird nicht viel gesprochen in dem Film und für mich ist es beeindruckend, wie viel ein Blick aussagen kann. Oder eine Kopfhaltung. Oder die Körpersprache. Der Schauspieler Casey Affleck spielt nicht nur Lee, er ist ein einsamer, gebrochener Mann. Ich kann seinen Schmerz spüren und sein Leid fühlen. Eine beeindruckende Leistung, die ich so noch nie erlebt habe. In dem Film ist alles stimmig: die Handlung, die Personen, der Ort - man nimmt denen ab, so ist das Leben dort.

 

Es ist ein leiser, stiller Film, der mich bis in Innerste getroffen hat. Der mir zeigt, wie wichtig es ist, Gefühle zeigen und leben zu können, um nicht dermassen versteinert, gehemmt und freudlos einfach nur zu vegetieren. Der zeigt, wie viel einfacher man leben kann, wenn man andere an sich heranlassen und sich öffnen kann. Dem Leben öffnen.

Erkenntnis des Films: mache ich etwas aus meinem Leben oder lebe ich wie Lee?



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