Venedig im November.

Oder: mit dem Nachtzug nach Venedig. 


Abreise:

Um 23:30 Uhr fährt unser Nachtzug von München nach Venedig, wie aufregend ist das denn. Äußerst pünktlich kommen wir zum Bahnhof und wir sehen? Nichts. Kurze Panikattacke, aber der nette Bahnbeamte strahlt sehr viel Sicherheit aus und tatsächlich fährt der Zug kurz danach ein. Ein sehr bunter Zug, weil jede Farbe woanders hinfährt: Venedig, Rijeka, Zagreb und noch wohin. Das heißt: wir werden nachts abgekoppelt und hoffentlich auf die richtige Reise geschickt…

Am Anfang stehen wir planlos neben unseren Stockbetten: kommt die Stewardess nochmal, sollen wir die Tür schon zu machen, will jemand unser Ticket sehen oder wie geht das jetzt? Schnell lernen wir: den Begrüßungssekt kriegen nur wir ins Abteil und eigene Dusche / WC ist nicht Standard und auch nur wir dürfen unser Frühstück vorbestellen.

Insgesamt habe ich mir das Abteil größer vorgestellt und die Bahnfahrt an sich ruhiger. Außerdem wackelt es teilweise ganz schön heftig. Mein Vergleich mit einer Kreuzfahrt hinkt - da war es mehr so ein gütiges Schaukeln, hier ist es eher aggressives Voranhetzen. Die Geräusche sind jedoch beeindruckend: Bremsen quietschen, Räder rattern, manchmal schabt etwas oder Dinge klackern.

 

Ankunft:

Als wir geweckt werden sieht es draußen tatsächlich ein bisschen italienisch aus, was bedeutet wir wurden richtig abgekoppelt. Beim Frühstück lassen wir die Welt an uns vorbeiziehen.

Um 8:24 Uhr ist unsere planmäßige Ankunft in Venedig und unser Zug ist auf die Minute pünktlich. Das letzte Stück Weg vor der Bahnstation Venezia Santa Lucia sind wir übers Wasser gefahren, fast ein bisschen Christo-mäßig. Der Bahnhof ist noch ganz normal.

Und dann habe ich meinen absoluten Flash-Moment: wir treten aus dem Bahnhofsgebäude raus und die Welt ist anders. Ein bisschen wie in einem Theater oder einer Filmkulisse, völlig surreal. Wir stehen vor dem Canal Grande und es ist wie in einem Film. Venedig empfängt mich mit offenen Armen, Liebe auf den ersten Blick.

Unser Vorsatz, zum Hotel zu laufen wird dann aber von ebendiesem Canal boykottiert: wir müssten rüber und wissen nicht wie. Nach einer Schleife und einige Male verlaufen stehen wir vorm Wasser und müssen uns schlagartig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Venedigs befassen. Und dann fahren wir Vaporetto (Mit Vaporetto werden die in Venedig und der Lagune von Venedig als öffentliches Verkehrsmittel genutzten Wasserbusse bezeichnet. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes lautet „Dampfschiffchen“, heute sind allerdings Schiffe mit Dieselmotoren in Betrieb). Schließlich finden wir unser Hotel uns lassen gleich mal die Koffer dort, um uns ins Getümmel und ins erste fotografische Abenteuer zu stürzen. 

Die erste Ernüchterung: ich dachte, im November ist der Markusplatz leer. Das war ein Irrtum, hier ist ganz schön viel geboten. Wir durchstreifen die Gegend um den Markusplatz herum, gehen (mehrmals?) ahnungslos an der Seufzerbrücke vorbei und tanken Venedig. Zum späten Mittagessen geht es in die Trattoria neben der Risotto-Bar, die wir eigentlich gesucht haben und uns dann aber nicht rein trauen (man geht ja auch nicht einfach zu fremden Menschen ins Wohnzimmer…).

Venedig hat sich in mein Herz geschlichen, aber diese vegetarische Pizza erobert auch direkt meinen Magen. Nach dem Mittagessen brauchen wir eine stille Pause bzw. die eben erfundene „Social Media -Pause“ und beziehen endlich unser Hotelzimmer im Hotel Anastasia. Hier begeistert uns gleich der sympathische, foto-affine Consierge Luca, der uns ein paar Insidertips und must-photographs mit auf den Weg gibt.

Später ziehen wir wieder los, zur blauen Stunde. Es ist aber nicht lange blau, sondern eher stockdunkel. Wir machen Nachtaufnahmen bis halb acht, nehmen Wraps mit ins Zimmer und hängen im Hotelzimmer rum. Morgen geht es früh raus, wir brauchen einen Sonnenaufgang.

 

Ein Tag in Venedig:

Der frühe Vogel fängt das Licht – der Wecker klingelt um sechs Uhr. Ungeduscht und mit Mütze (wegen der Frisur, nicht wegen der Kälte) gehen wir zur Ponte Dell ‘Accademia, laut Luca der Place to be für Sonnaufgänge. Von der Brücke aus sieht man die Sonne hinter der Kirche Santa Maria della Salute aufgehen. Wir stehen in einer Reihe mit vielen Fotografen, also scheinen wir hier richtig zu sein.

Nachdem die Sonne oben ist, ziehen wir zum Markusplatz. Die Zeit ist perfekt, alle Gondeln schlafen noch, alle Touristen auch. Wir kommen von hinten zum Markusplatz und sehen etwas leuchten – sind das diese hübschen Straßenlaternen? Nein, es ist tatsächlich die Sonne – hinter den tollen Laternen und hinter den Gondeln! Fast hätten wir das Beste verpasst auf unserem Weg von der Brücke ins Zentrum! Aus der ersten Reihe werden wir zwar wegen den Film-Dreharbeiten verjagt, aber dann glotzen wir halt aus der zweiten Reihe auf das Schauspiel und die Schauspieler.

Jetzt geht es eilig ins Hotel zum absolut Highlight-artigen leckeren Frühstück, danach haben wir ein date am Markusplatz. Mit dem Hochwasser. Luca hat gesagt, um 10:30 Uhr ist es soweit. Und so isses….

Wir fotografieren ewig, ein Traum. Beeindruckend, die verschiedenfarbigen Stühle im Wasser und dann noch das japanische Hochzeitspaar und die erhabenen Smoking-Ober in Gummistiefeln!

Nach einer kurzen Social-Media- & Schuhwechselpause im Hotel fahren wir mit dem Vaporetto zum Bahnhof und laufen von dort aus in Richtung San Marco und Rialtobrücke. Unterwegs trinken wir einen Glühwein vin brulè – aus Plastikbechern ;-( . Und dann erwischt uns der Regen.

Wir bewegen uns in der Nässe zur Libreria Aqua Alta, die ist vollgestopft mit Sachen und Menschen zum Beklemmung kriegen. Die berühmten Stufen aus Büchern sind nur im Hinterhof aufgeschlichtet und führen ins Nichts. Nach diesem enttäuschenden Place to see suchen wir die nächste Empfehlung, die Trattoria neben der Rialtobrücke. Es ist nicht einfach, wir müssen durch diverse Gässchen und Plätze, man kommt sich immer so vor wie wenn man zu Leuten privat in den Hinterhof geht. Und dann, kurz vorm Wasser haben wir die Location gesichtet, sieht traumhaft aus. Und zu teuer. Wir gehen danach in die billige Osteria nebenan. Die Spaghetti Carbonara waren gut und über alles andere machen wir uns einfach keine Gedanken.

Heim zum Hotel fahren wir mit dem Vaporetto, wie gut wir uns jetzt hier schon auskennen. Nach einem inspirierenden Foto-Talk mit Luca planen wir den nächsten Tag und gehen früh ins Bett.

 

Ein Tag in Venedig:

Heute zum Sonnenaufgang sind wir am Markusplatz. Die Problematik ist nur: es regnet. Keine Sonne – kein Sonnenaufgang. Dafür bekommen wir immerhin hübsche „der Regen spiegelt sich“- Bilder, während die gelben Arbeiter die Hochwassersteige aufbauen. Was ist da los, Hochwasser war doch gestern? Der nasse deutsche Fotograf erklärt uns, heute wird das Hochwasser höher. Und dann hören wir den Alarm, die Sirenen. Wie gruslig das ist. Was bedeutet das? Der deutsche Fotograf zählt mit und hört Höhe 1,20, weil es nach einem bestimmten Signalton 2x getönt hat. Wir sind gespannt. Die einheimischen Venediger zucken nicht mal.

Während dem Frühstück haben wir Fensterblick zur Gondelstraße und da schwappt es schon ganz schön raus. Werden wir trockenen Fußes zu unserem Hotelzimmer kommen, wo unsere Gummistiefel liegen? Nach dem Frühstück stehen wir fassungslos vor unserer Hotel-Brücke: der Platz vor der Kirche nebenan ist echt voller Wasser. Man braucht tatsächlich diese Hochwasserstege und die Höhe ist nicht zu großzügig geplant….

Wir lernen: der einheimische Italiener trägt seine Gummistiefel bis zum Knie und in der Farbe stimmig zum Regenschirm. Jetzt sind wir endgültig absolut gespannt, was uns am Markusplatz erwartet. Ich habe das Gefühl, was wir gestern als „Hochwasser“ fotografiert haben war mal gepflegt gar nix.

Schon als wir durch den Torbogen zum Markusplatz kommen sehen wir das Wasser. Tatsächlich ist der ganze Platz ein See, die Möwen cruisen hier wie am Meer. Man sieht Gummistiefel, farbige Plastik-Überzieher, Menschen barfuß oder in Anglerhosen. Und vor allem sehen wir: Wasser! Die Stühle sind fast bis zur Sitzfläche im Wasser und auf den Hochwasser-Stegen bilden sich Staus. Schnell wird klar: mein rechter Gummistiefel ist undicht und mein Fuß ist nass.

Wie unwichtig aber ein kalter Strumpf ist, wenn ich mich aufs Fotografieren konzentriere! Ich kann mich nicht satt sehen an den Stühlen im Wasser, schaukelnden Gondeln und an dem Blick zur Kirche auf der anderen Seite des Canals. Wir verbringen Stunden mit Hochwasser-Fotografie und dann gehen wir für einen Schuhwechsel (Sockenwechsel!) ins Hotel. Nachmittags machen wir uns auf Luca’s Empfehlung hin auf den Weg nach Burano. Zum Fähranleger laufen wir einmal quer durch die Stadt in Richtung Rialto. Wir verirren uns nur ein bisschen (ganz retro arbeiten wir mit dem Stadtplan aus Papier), bis wir endlich das Straßenschild entdecken und in die richtige Richtung laufen. Ab dort nehmen wir das volle Vaporetto nach Burrano und kriegen immerhin schöne Plätze hinten draußen.

Auf Burrano steigen ganz schön viele Touristen aus, es sind einfach zu viel Fremde in der Stadt. Die Insel ist schön, aber morgens um 8 Uhr vielleicht noch ein bisschen leerer. Schnell biegen wir ab in Richtung Mazzorbo, wo auf Empfehlung von Luca (was sonst) eine Fotoausstellung in einem verwunschenen Garten zu sehen ist. Der Garten Venissa ist tatsächlich eine andere Welt. Kaum kommt man von Burano aus über die Brücke und geht durch das Tor ist das Leben ein bisschen besser, ruhiger und freundlicher.

In dem Garten wird Gemüse angebaut für die Osteria gegenüber und außerdem wird hier Wein gezogen, einzigartig auf salzigem Boden mit €100,- pro Flasche heißt es. Auch die Osteria können wir uns nicht leisten, aber auf meine imaginäre to-do-Liste kommt „einmal dort essen“.

Wir wollen stattdessen in die Trattoria am Anleger, aber die machen gerade zu und werfen uns (höflich) raus. Also per Boot back to Venezia. Wir brauchen was zu essen und finden die Osteria Antica irgendwas mit dem sympathischen Kellner, mit dem wir uns gleich für nächstes Jahr verabreden („fino al prossimo anno“). Bis dahin hat er hoffentlich auch Tiramisu.

Das letzte Tiramisu gibt es auf dem Heimweg to go und endlich für mich ein Cannolo (der Name eines gefüllten Gebäcks aus Sizilien. Es besteht aus einer frittierten Teigrolle mit einer süßen cremigen Füllung aus Ricotta, die Vanille, Kakao, Schokoladenstückchen oder kandierte Früchte enthalten kann). DA habe ich mir aber echt mehr erwartet ;-(

 

Daheim im Hotel wird gepackt. Ich bin traurig. In Venedig habe ich mich zuhause gefühlt.