Danach ist, wenn das Leben wieder offen hat.

 

In diesem Jahr träumte sie nicht von einem Urlaub am Meer oder von einer Reise in die Berge. In diesem Jahr träumte sie von „danach“. Das ist keine Destination, sondern ein Zeitpunkt. Ein Zustand. Dass es ein „danach“ gibt, weiß man davor nicht. Man weiß es erst,wenn man mittendrin steckt. Und davon träumt.

Das ersehnte „danach“ - wenn das Leben wieder so ist, wie sie es kennt. Wenn sie machen kann, was sie davor immer gemacht hat. Mit den Leuten, die sie immer getroffen hat. An den locations, wo sie immer waren.

 

Aber Moment mal – eigentlich mochte sie ihr Leben doch gar nicht? Wenn sie sich dunkel an „davor“ erinnert (der Zustand vor „danach“) - wollte sie nicht eigentlich jemand ganz anderes sein, woanders leben, mit dem Job eines anderen? Warum sehnt sie sich jetzt auf einmal wieder nach „davor“?

Wäre es nicht nett, jetzt einfach auf den fahrenden Zug aufzuspringen? Niemand würde ihr Schuld geben. Keiner würde denken, wie arrogant von der, die war eh nie zufrieden, mit dem, was sie hatte. Nein, jeder hätte Verständnis. Es wäre beeindruckend, wie sie in diesen Zeiten der Krise über sich hinausgewachsen wäre. Einen langweiligen Job gekündigt? Nein, sie wollte sich nützlich machen! Endlich die zu enge Stadtwohnung aufgegeben? Sie wollte doch zurück zur Natur. Sich selbständig machen? Das Land braucht Mutige in diesen Zeiten. Midlife-Crisis? Nein, Corona!

 

Aber überhaupt: wie schafft man es, diese entschleunigte Zeit, diese Reserven, dieses nicht genutzte Potential in etwas Positives, Großes, Weiterbringendes zu transformieren? Und nicht in Jogginghosen im Home-Office und danach aufs Sofa? Man hat ja niemals gelernt, mit so viel freier Zeit umzugehen, wo doch vorher jede freie Minute sorgsam verplant war. Nur nicht zur Ruhe kommen, nicht nachdenken müssen, sich nicht mit sich selbst befassen müssen. Und jetzt? Alle Bemühungen waren umsonst. Auf sich selbst zurückgeworfen. Bedingungslos. Alleine. Mit Freizeit.

 

Das Wort Freizeitstress hat nun eine neue Bedeutung - es ist nicht mehr der Stress, den man in der wenigen Freizeit produziert, sondern es ist der Stress, überhaupt so viel Freizeit zu haben. Jeder Tag ist gleich, die neue Eintönigkeit wird zur Routine. Die neue Gleichförmigkeit hat fast etwas Meditatives, oder?

Und. Auf. Einmal. Ist. Man. Ruhig.

 

Die Sachen, die sie schon immer machen wollte, gehen auf einmal. Ausmisten. Aufhübschen. Nachgucken. Lernen. Lesen. Backen. Bügeln. Sein. Einfach nur sein. Sie ist. Ich bin. Jetzt. Mehr nicht. Und es reicht.

„Danach“ ist also nicht, wenn es so ist, wie vorher. Danach ist, wenn es schön ist.